Sie sind hier: AFS-Komitee Rostock > Das Komitee > Erfahrungsberichte > Brasilien

Brasilien

Maren Goll

Stipendiengeber: Antenne Mecklenburg Vorpommern

Aufregung, gezeichnet durch fieberhaftes Sich-Verabschieden, letzte Vorbereitungen, Verängstigung, Trauer und Vorfreude verbanden uns, acht Deutsche, mit einem gemeinsamen Ziel. Brasilien. Natürlich haben wir schon begierig Returneeberichten gelauscht, fleißigen Austausch von Emails mit unseren Gastfamilien betrieben und uns die ersten Brocken Portugiesisch angeeignet, doch was da auf uns zukommt ähnelt einem Buch, das wir nie gelesen haben, wovon uns alleinig der Titel bekannt ist. Es liegt in unserer Hand, wir dürfen nun dieses "Buch" mit unseren Erlebnissen in Südamerika füllen.

Unsere Reise aus der Heimat in eine völlig fremde Welt dauert nur wenige Stunden. Mitten aus dem deutschen Winter gerissen befanden wir uns plötzlich im brasilianischen Hochsommer von Sao Paulo wieder. Doch der echte Temperaturschock sollte mich noch erwarten, denn am nächsten Tag galt es erneut ein Flugzeug zu besteigen und ab in Richtung Nordosten zu düsen. Zum ersten Mal wurden mir die wirklichen Ausmaße Brasiliens bewusst. Fast vier Stunden überflogen wir unser Gastland. Das Ziel hieß Natal. Natal (übersetzt "Weihnachten") ist die Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande do Norte ("Großer Fluss des Nordens") mit rund 800.000 Einwohnern.

Der Landeanflug. Ein Blick in die Gesichter der anderen Austauschschüler, aus der ganzen Welt angereist. Wissend das dem braungebrannten Neuseeländer, der zierlichen Isländerin und dem sommersprossigen Costa Ricaner mehr oder weniger das selbe durch den Kopf gehen musste. In wenigen Augenblicken sollten wir unsere Familien treffen, in wenigen Augenblicken würde unser neues Leben beginnen.

Raus aus dem Flugzeug traf die Isländerin und mich fast der Schlag. Rund 40 Grad Temperaturunterschied zu Deutschland. Brennende Sonne, Staub, kaum Vegetation. Der brasilianische Sommer tat sein bestes um uns zu begrüßen.

Wenig später traten wir schwerbepackt mit unseren Koffern aus dem Terminal. Suchend blickte ich mich um, doch schon kam eine kleine rundliche Frau auf mich zugelaufen und küsste mich herzlich auf beide Wangen. Eine Begrüßungszeremonie, die sich durch das gesamte Jahr ziehen wird. Meine "mae" und zwei Brüder teilten mein Gepäck unter sich auf und zogen mich zum Auto. Auf dem Weg nach Hause zeigte mir mein jüngerer Gastbruder aufgeregt alle "Sehenswürdigkeiten" meiner neuen Heimat. Doch leider verstand ich nicht einmal ein Viertel von seinen freudigen Worten. Angekommen wartete ein riesiger Mittagstisch. Von allem wurde mir auf den Teller getan, und ich konnte nicht einmal die Hälfte identifizieren. Es sind Wochen vergangen, bis ich begann das brasilianische Essen zu genießen. Zurück in Deutschland fehlen mir die täglichen schwarzen Bohnen mit Reis. Auf die meisten Süßspeisen und Fruchtsäfte muss ich ebenfalls verzichten..

Die ersten Wochen enthielten soviel neues, selbst der Weg in den Supermarkt begeisterte mich. Hier ist ein kleinerer Auszug aus meiner ersten längeren Email an meine Freunde: "Der Fernseher läuft immer und ununterbrochen, selbst wenn sich niemand im Raum befindet. Jedermann ist verrückt nach den brasilianischen Telenovelas, aber es gibt ja auch kaum Programmauswahl, bei nur zwei Kanälen. Durch die Hitze ist es normal mindestens drei Mal am Tag zu duschen, in einem Raum ohne Ventilator fängt man an zu schwitzen vom nichts tun. Braun werde ich kaum, denn gesonnt wird sich hier so gut wie nicht. Das liegt an der großen UV Strahlung, denn Natal, auch genannt "Cidade do Sol" ("Stadt der Sonne") hat die höchste UV Strahlung und die meisten Sonnentage Brasiliens zu verzeichnen."

Trotz der vielen neuen Dinge, oder vielleicht auch gerade deswegen, waren die ersten Wochen besonders anstrengend. Vor allem war es anders als ich gedacht hatte, ich dachte es wäre anders, aber eben anders anders. Bis ich wirklich Freunde gefunden hatte, auf die ich zählen konnte, und dieser portugiesische Singsang einen Sinn in meinen Ohren ergab, war es ein langer Weg.

Ich hatte das Glück meine beste Freundin gleich in der zweiten Woche kennen zu lernen. Sarana ging in meine Klasse und es machte ihr scheinbar nichts aus, dass ich sie kaum verstand. Munter redete sie auf mich ein, und wiederholte geduldig Wort für Wort. Allgemein begeisterte mich meine brasilianische Klasse und Schule. Bei über 6000Schülern fiel ich als fast einziges blondes Mädchen schon auf weite Entfernung auf. Daran konnte die weiß-rot-blaue Schuluniform nichts viel ändern. Ich erlebte eine Popularität meiner Person, die mich anfangs sehr erschrak. Personen, die ich nie zuvor gesehen hatte, wussten scheinbar
über meinen gesamten Lebenslauf Bescheid. Und das in einer Großstadt!

Leider gestaltete sich mein Familienleben nicht so berauschend wie meine Freundschaften und der Schulalltag. Zwei Mal wechselte ich die Gastfamilie, um schlussendlich in "meiner" Familie zu landen.

Es erscheint wie ein Wunder, das fremde Menschen dich in ihr Haus aufnehmen, dir so viel Liebe schenken und dich wie ein eigenes Kind behandeln, dass du sagen kannst: Ich habe zwei Familien, eine deutsche und eine brasilianische.

Zurück in Deutschland sorge ich regelmäßig für Verwirrung, wenn ich von "meinen Schwestern" oder "meinem Hund" erzähle. ("Ich dachte du hast nur einen Bruder und Meerschweinchen?"). Vor allem mit meiner älteren Schwester verbinde ich eine große Freundschaft. Wir haben viele gemeinsame Freunde und Interessen. Am späten Nachmittag liefen wir die Strandpromenade entlang, schauten zusammen den wunderschönen Sonnenuntergängen zu und unterhielten uns stundenlang. Durch meine Schwester lernte ich auch das Nachtleben Natals kennen. Wir zogen erst gegen Mitternacht los, denn vorher "hatte man nichts zu erwarten". Anfangs stand ich scheu abseits, wenn sich alle ins riesige Tanzgetümmel stürzten. "Ich kann nicht tanzen...", murmelte ich als schwache Begründung. "Ach, Quatsch, so etwas gibt es nicht!", und schon griffen mehrere Hände nach mir und schubsten mich in die Menge. Einige Wochen später zeigte mir eine Freundin einen Tagebucheintrag von ihr über jenen Tag, "diese Deutsche, ich hätte es nicht gedacht, aber sie hat bis zum Umfallen getanzt!".

 

Bis auf zwei Ausnahmen habe ich meinen Bundesstaat nie verlassen. Brasilien in sich ist wie ein eigener Kontinent. Schon allein sprachliche Unterschied sind gewaltig. Ich habe öfter gesagt bekommen, das man mir die "Nordostländerin" anhört, was mich ungemein stolz macht. Ich liebe den Nordosten Brasiliens mit seinen unendlich weißen Traumstränden, Zuckerrohrfeldern und vor allem herzensguten Menschen. Rund eine Stunde von Natal entfernt, liegt einer der angeblich schönsten und bekanntesten Strände Brasiliens. Pipa, ein kleines Fischerdörfchen, mit seinen überwältigenden Buchten. In kristallklarem Wasser reflektiert die Sonne ihre warmen Strahlen. Unter den zahlreichen Palmen sind Hängematten aufgespannt und einige Urlauber genießen den herrlichen Nachmittag. Der Himmel ist wie gemalt mit den schönsten Blautönen aus einem Tuschkasten. Durch die klare Sicht zeichnen sich kleine Segelboote und Surfer klar gegen das Meer ab, geräuschvoll schlagen die Wellen gegen die felsige Bucht, und mit etwas Glück sind kleine Delfingruppen zu beobachten. Der Strand hat wahrlich seinen Namen verdient. "Praia do Amor", Strand der Liebe. Ja, es ist Liebe. Liebe zu diesem Traumstrand, zu den Menschen, der Musik, dem Klima... Liebe zu Brasilien. Meine Schwester meinte an meinem letzten Tag zu mir: "Weißt du was das größte Geschenk ist, was dir Brasilien machen konnte? - Das du nun auch die brasilianische Sonne in deinem Herzen trägst!"

 

Mit meinem Wohnort Natal hätte es gar nicht besser kommen können. Strand, Großstadt, Natur und brasilianische Gemütlichkeit treffen hier zusammen. Über den Ausdruck brasilianische Gemütlichkeit kann ich erinnernd schmunzeln. Doch wie oft habe ich mich über das Fehlen von Busfahrplänen und das Zuspätkommen der Menschen geärgert! Nach einigen Monaten sah es ganz anders aus: Ich "kopierte" diese Verhaltensweise, und kam zu spät, weil ich "unterwegs noch den Cousin von meiner Tante getroffen habe".

In meinen letzten Monaten beschrieben mich meine Freunde als "Deutsche mit der brasilianischsten Seele". Ich habe gelernt mich zu öffnen, Neuem nicht scheu gegenüber zu stehen, und mein Selbstbewusstsein ist um mehrere Stufen nach oben geklettert. Wenn etwas nicht klappt wie geplant, dann "wird es schon einen Ausweg geben". Durch die Erfahrung mit dem brasilianischen Way of life stehe ich meinen Leben stressfreier und spontaner gegenüber.

Meine Entscheidung ein Jahr fern von Deutschland und allem Gewohnten zu verbringen, warf eine Menge Probleme auf. Doch im Gegensatz erhielt ich soviel, dass es sich kaum ausdrücken lässt. Ich kann stolz auf die Eingliederung in eine fremde Kultur zurückblicken, mich fließend in einer anderen Sprache unterhalten, und wage zu behaupten ein Stück erwachsener geworden zu sein. Es fällt mir viel leichter andere Sichtweisen nachzuvollziehen und zu verstehen.

Aber nicht nur ich profitierte von meiner Austauscherfahrung. Ich stellte viele Sichtweisen über Deutschland in Brasilien richtig. Es kam zu Diskussionen über das dritte Reich, Nationalstolz, Bratwurst und Verhaltensweisen der Deutschen. Zudem kann meine gesamte Klasse nun "Alle meine Entchen" singen und einige deutsche Wörter sprechen.

Was ich neuen Austauschschülern mit auf den Weg geben will ist, dass mit dem Neuanfang im Gastland eine einmalige Chance geboten wird. Man kann sich so darstellen, wie man es schon immer wollte. Aus einem Klassenclown kann ein ernsthafter Junge werden, oder aus einem schüchternen Mädchen eine Kontaktfreudige.

Man sollte sich ebenfalls darüber im klaren sein, dass das Austauschjahr kein Erlebnisurlaub wird, sondern unter Umständen an einigen Tagen todlangweilig sein kann. Doch genau hier liegt ein unschätzbarer Wert des Austauschjahres. Der Schüler hat ausreichend Zeit, seine Vergangenheit zu reflektieren und die Zukunft zu beleuchten, sich selbst kennen zu lernen und sich somit weiter zu entwickeln.

 

Auf dem Rückflug unterhalten wir "Brasilianer" uns auf portugiesisch, und wieder verbinden uns ähnliche Gefühle. Das Flugzeug landet in Frankfurt am Main, und auf ein Neues liegt es in unserer Hand, wir können nun beginnen das zweite Buch "nach dem Austausch" zu füllen.